Wahlfächer im Wintersemester 2017/18

Medizin im Film: "Der schmale Grat zwischen Genie und Wahnsinn. Filmische Inszenierungen eines kulturellen und psychiatriehistorischen Topos"

Dozenten: Prof. Christoph Rehmann-Sutter, Dr. Birgit Stammberger, Prof. Burghard Weiss
Zeit und Ort: Montags, 18:30-21:30 Uhr, 14 tägig im Hörsaal des IMGWF

Wer genial ist, muss verrückt sein: Dass zwischen Wahnsinn und Genie nur ein schmaler Grat besteht, ist eine Vorstellung, die bereits in der Antike zu finden ist. So vertrat Demokrit die Auffassung, dass es ohne den Wahnsinn keine Dichtung geben könne, und auch für Aristoteles, Sokrates oder Seneca war Genialität mit dem Wahnsinn verknüpft. Fand die Komplementarität von Genie und Wahnsinn zunächst im Selbstverständnis der Ästhetik und Literatur ihren Niederschlag, so wurde das Genie im 19. Jahrhundert zum Objekt wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Genialität wurde in der Moderne immer auch mit vererbungstheoretischen, physiologisch-neurologischen oder psychopathologischen Erklärungsmodellen beschrieben. Psychiater und Mediziner, wie etwa Cesare Lombroso oder Max Simon Nordau, untersuchten den Zusammenhang von Genie und Wahnsinn und schienen dabei die antiken Auffassungen zu bestätigen. Im modernen Geniekonzept ist der Wahnsinn nicht an eine Krankheit gebunden, sondern er ist auch Ausdruck von Genialität. Gerade die Literatur und Malerei fanden im wahnsinnigen Genie ihr eigenes Sujet. Die Figur des verrückten Künstlers ist bis heute eines der Leitmotive für Erzählungen über das literarisch-künstlerische Schaffen. Orientiert am männlichen Subjekt, kommt die Genialität gerade dadurch zum Ausdruck, indem sich das schöpferisch-talentierte Individuum vehement über soziale und kulturelle Normen hinwegsetzt. Das moderne Geniekonzept avanciert so zum Gegenentwurf gesellschaftlicher Normalität.

Das geniale Individuum, das an keine Konventionen und kulturelle Normen gebunden ist, fand auch Eingang in zahlreiche Filme. So, wie die Literatur in der Beschreibung des wahnsinnigen Genies anderen Regeln als der der Symptombeschreibung und Diagnose folgt, ist auch die filmische Darstellung von spezifischen Erzählformen und Inszenierungsmodellen geprägt. Als spezifisches Medium der Repräsentation entwickelt der Film zwar stets eigene Erzählmodelle des Genies, doch knüpft er stets auch an wissenschaftliche Konzepte und kulturelle Vorstellungen an. Die narrativen Aufladungen von Genialität mit psychiatrischer Symptomatologie weisen dabei nicht nur einen Zusammenhang mit Modellen psychopathologischer Störungen auf, sondern sie stehen auch in Verbindung mit kulturellen Vorstellungen von Perfektion, Intellektualität und Künstlertum, die es zu diskutieren gilt.

Das Seminar widmet sich in diesem Semester anhand von sechs Spielfilmen den Inszenierungen von Wahnsinn und Genie. Besondere Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Erwartet wird jedoch die Bereitschaft, als Mitglied eines Teams einen der Filme vorzustellen und zu kommentieren, sowie zur Lektüre und kritischen Auseinandersetzung mit filmtheoretischen und medizinhistorischen Texten.

Termine:

23. Oktober 2017
Einführung („Film- und Wahnsinnstheorien“)

6. November 2017
Film I: A Beautiful Mind. Genie und Wahnsin
USA 2001, Regie: Ron Howard, 135 min

20. November 2017
Film II: Camille Claudel
1915 Frankreich 2013, Regie: Bruno Dumont, 97 min

4. Dezember 2017
Film III:  Shine. Der Weg ins Licht
Australien 1996, Regie: Scott Hicks, 101 min

18. Dezember 2017
Film IV: Bauernopfer. Das Spiel der Könige
USA/Kanada 2014, Regie: Edward Zwick, 115 min
-dazu die Dokumentation: Zug um Zug in den Wahnsinn (Bobby Fischer. Against the World)

15. Januar 2018
Film V: PI – System im Chaos
USA 1998, Regie: Darren Aronofsky, 84 min

29. Januar 2018
Film VI: Ostatnia rodzina (The Last Family)
Polen 2016, Regie: Jan P. Matuszynski
(weitere Informtionen: www.slantmagazine.com/film/review/the-last-family, https://www.film-rezensionen.de/2017/05/the-last-family/)

Weitere Filme:

• Rain Man, USA 1988, Regie: Barry Levinson
• Schlafes Bruder, D 1995, Regie: Joseph Vilsmaier, 127 min
• Amadeus, USA 1984, Regie: Miloš Forman, 173 min
• Träumerei, D 1944, Regie: Harald Braun, 110 min
• Hälfte des Lebens (Film über Hölderlin), DDR 1985, Regie: Hermann Zschoche, 100 min

Literatur (Auswahl):

Benn, Gottfried (1993): Das Genieproblem. In: Gesammelte Werke in vier Bänden. Hg. v. D. Wellershoff, Band 1, 8. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta (IMGWF B Lit Q10a Ben42 2v.1).

Clair, Jean (2005): Melancholie. Genie und Wahnsinn in der Kunst. Ostfildern: Hatje Cantz.

Köhne, Julia Barbara (2014): Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen. Wien: Böhlau Verlag (online zugreifbar über Katalog der ZHB).

Nieberle, Sigrid (2002): Beautiful Minds. Psychopathologie im Narrativ des Künstlerfilms. In: Tanja Nusser, Elisabeth Strowick (Hrsg.): Krankheit und Geschlecht. Diskursive Affären zwischen Literatur und Medizin. Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 103–122.

Panizza, Oskar (1891): Die kriminelle Psychose, genannt Psichopatia criminalis. München 1978, S. 85-117, Erstdruck: Genie und Wahnsinn, Vortrag. Münchner Flugschriften, I. Serie, Nr. 4 und 5, München (abrufbar unter: www.zeno.org/Literatur/M/Panizza,+Oskar/Schriften/Genie+und+Wahnsinn).

Pessoa, Fernando (2010): Genie und Wahnsinn, Schriften zu einer intellektuellen Biographie. Göttingen: Wallstein.

Schneider, Peter K. (2001): Wahnsinn und Kultur oder Die Heilige Krankheit. Die Entdeckung des menschlichen Talents. Würzburg: Königshausen & Neumann.

Um Voranmeldung wird gebeten unter: sekretariat(at)imgwf.uni-luebeck.de

IMGWF Universität zu Lübeck - Königstrasse 42 - 23552 Lübeck - Fon +49 (0)451 707 998-12 - Fax +49 (0)451 707 998-99 - info@imgwf.uni-luebeck.de

A A A

English Version

Lübeck kämpft für seine Uni