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Institutskolloquium

Das Ich in der Geschlechterforschung. Zur Bedeutung von Erfahrung und Erleben für die Kritik der Geschlechterordnung

Tomke König (Bielefeld)

Wann: 28. Januar 2026, 18:00 Uhr
Wo: Hörsaal des IMGWF in der Königstraße 42 in Lübeck

Der Obertitel meines Vortrags verspricht Programmatisches, soll jedoch keine falschen Erwartungen wecken. Er adressiert weniger philosophische Fragen – Was ist das Ich? Wie artikuliert sich das Ich? – als vielmehr die erste Person Singular: die höchst persönliche Dimension jener Erfahrung, die Menschen mit ihrem Geschlecht in der Gesellschaft machen. Ich möchte in meinem Vortrag den Beitrag skizzieren, den eine „First-Person-Science“ zur Weiterentwicklung von Geschlechtertheorie und -forschung leisten kann. Der Untertitel benennt den von mir gewählten thematischen Fokus, einen für die Geschlechterforschung zentralen Aspekt: die Kritik an der binär-hierarchischen heteronormativen Geschlechterordnung sowie die Möglichkeiten ihrer Transformation.

Ich werde mich im Vortrag mit zwei Bereichen beschäftigen, in denen diese Kritik eine zentrale Rolle spielt. In einem ersten Schritt geht es – in sozial- und wissenschaftshistorischer Perspektive – um Intellektuelle, die aus der Universität ausgeschlossen waren oder sind. Deren Erfahrungen lassen sich als eine Bedingung der Möglichkeit von Wissenschaftskritik beschreiben. In einem zweiten Schritt rücken mit der Frage, was es bedeutet, ein Geschlecht zu verkörpern, die konkreten geschlechtlichen Erfahrungen und das leibliche Erleben von Alltagsakteur*innen in den Mittelpunkt. Es geht dabei um das Spannungsverhältnis zwischen sozialen Kategorien, die das Geschlechterverhältnis in binär-hierarchisch orientierten heteronormativen Gesellschaften regulieren, und den Erfahrungen in Bezug auf das eigene Geschlecht. Mit dem Erleben und der Leiblichkeit kommen spezifisch ‚persönliche‘, Ich-zentrierte Dimensionen und Wissensbereiche in den Blick, deren Allgemeinheit, Transparenz, Sprachlichkeit und Kommunizierbarkeit häufig in Frage stehen. Eine solche Dimension tritt häufig fragmentiert und zeichenhaft in Erscheinung: in den Lücken von Gesprächen, in Brüchen und Signalen der (Selbst-)Wahrnehmung, in Zwischenräumen der Kommunikation und ästhetischen Erfahrungen. Lebendige Körper – so die These – erleben stets mehr, als in den zur Verfügung stehenden Kategorien fassbar und ausdrückbar ist, sie können gerade deshalb auch als Bedingung der Möglichkeit für den Wandel der Geschlechterordnung aufgefasst und konzeptualisiert werden.
 

Prof. Dr. Tomke König ist Soziologin und hat an der Uni Bielefeld eine Professur für Geschlechtersoziologie inne. Sie leitet dort das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung und ist Sprecherin des von der DFG geförderten Graduiertenkollegs „Geschlecht als Erfahrung. Konstitution und Transformation gesellschaftlicher Existenzweisen“ (Förderung Mai 2021–April 2030). Zu ihren Lehr- und Forschungsschwerpunkten gehören erlebensbezogene Geschlechterforschung, Familie und Arbeitsteilung, soziale Ungleichheit, Eliten. Zuletzt erschienen von ihr: Die Leibsprache der Geschlechter. Eine Intervention. In: Gender 16 (2024), H. 3, S. 231–247, Experiential Gender Research. The Body as a Source of Meaning and Change. In: Kallenberg, Vera; König, Tomke; Erhart, Walter (Hrsg.): Geschlecht als Erfahrung. Theorien, Empirie, politische Praxis. Bielefeld: transcript 2024, S. 111–130 sowie der von ihr und Benedikt Wolf herausgegebene Band (im Erscheinen): Geschlecht erleben. Soziale und ästhetische Artikulationen. Bielefeld: transcript.