Skip to main content

Epistemology of Translation in Precision Medicine

Probleme der Datenintegration in der Präzisionsmedizin

Christina Schües / Cornelius Borck

Präzisionsmedizin lautet das aktuelle Zukunftsversprechen der biomedizinischen Forschung: Das gesamte verfügbare medizinische Wissen soll mobilisiert und mit den immer feiner werdenden diagnostischen Möglichkeiten so zusammengefügt werden, dass in Zukunft Medizin nicht mehr Krankheiten behandelt, sondern hochindividualisiert für jede Patient:in eine auf ihren Körper maßgeschneiderte, auf genau die einzigartige Form von Kranksein abgestimmte Therapie entwickelt. Dazu müssen nicht nur sehr viele verschiedene Daten gesammelt und aufeinander abgeglichen werden, es müssen auch radikal heterogene Forschungskulturen, Klassifikationssysteme und Semantiken ineinander übersetzt werden. Aus biomedizinischer Sicht erscheint das als eine zwar komplizierte, aber mit den modernen Techniken der Datenverarbeitung machbare Aufgabe, weil doch letztlich alle Informationen sich auf einen konkreten kranken Menschen beziehen. Aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung hingegen treten die verschiedenen Forschungskulturen mitsamt den damit verbundenen divergenten Epistemologien als neue Herausforderung an Komplexität hervor: Die Gewebekultur eines Krankheitsprozesses, das Tiermodell und die ursächliche genetische Sequenz mögen sich zwar alle auf denselben erkrankten Körper und womöglich sogar dieselben pathophysiologischen Prozesse beziehen, aber in den zugehörigen Forschungskulturen zeigen sich die jeweils untersuchten Phänomene dabei auf höchst spezifische Formen in Abhängigkeit von den zum Einsatz gebrachten Experimentalsystemen: Die Bedingungen für eine stabile Zell- oder Gewebekultur sind ganz andere als die für eine valide Computersimulation oder für eine verlässliche Diagnose unter dem Mikroskop bzw. bei der körperlichen Untersuchung.

Wenn Präzisionsmedizin bei der Behandlung von chronischen Entzündungskrankheiten zum Erfolg führen soll, muss sich das Forschungsprogramm also weniger an eindeutigen als vielmehr an robusten und verlässlichen Verfahren der Übersetzung bei der Datenintegration orientieren. Denn eindeutige Definitionen erkaufen ihre Genauigkeit mit geringer transdisziplinärer Integrationsfähigkeit. Aber wodurch zeichnen sich verlässliche, „resiliente“ Übersetzungsverfahren aus? Während biomedizinische Forschungen hierzu erst in den Anfängen stecken und die klassische Wissenschaftsphilosophie zu lange auf strenge Normierung als überlegener epistemischer Tugend gesetzt hat, sind resiliente Prozesse in den Kulturwissenschaften und insbesondere in den Translation Studies vergleichsweise gut untersuchte Phänomene.

Das Projekt ist Teil des RTF IX: Ethics, Communication and Economics im Exzellenzcluster „Precision Medicine in Chronic Inflammation“ (PMI), Projektlaufzeit 2019 – 2025. Es kombiniert ethnographische Beobachtungen und wissenschaftsphilosophische Analysen mit gezielten Interventionen in die laufenden Übersetzungsschritte in und zwischen den verschiedenen Cluster-Arbeitsgruppen. Eine „Epistemology Clinic“ soll die Beobachtungen im Feld als angewandte Wissenschaftsphilosophie praktisch wirksam werden lassen. Das Projekt startet imJanuar 2021, die Ausschreibung  für eine Postdoc-Stelle finden Sie in Kürze hier.

Mehr Informationen zum Teilprojekt RTF IX Ethik: Gutes Leben mit Präzisionsmedizin