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Unrecht in Psychiatrie und Behindertenhilfe

Medikamentenversuche und Erfahrungen von Leid während der Nachkriegszeit

Das Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung der Universität zu Lübeck forscht seit Oktober 2018 im Auftrag des Ministeriums für Soziales, Gesundheit Jugend, Familie und Senioren Schleswig-Holstein zu Medikamentenversuchen in Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie in den psychiatrischen Kliniken im Bundesland in den Jahren 1949 bis 1975.

In den vergangenen Jahren haben bundesweit mehrere Forschungsarbeiten und Publikationen Medikamententests und Impfversuche in Einrichtungen der Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendpsychiatrien in BRD und DDR in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. In Schleswig-Holstein ergänzte eine umfangreiche Medienberichterstattung seit 2016 die vorliegenden Erkenntnisse zum Thema auch aus der Betroffenenperspektive. Jedoch steht eine genauere Eingrenzung von Art und Umfang der Erprobung von Medikamenten und Impfstoffen auch in Schleswig-Holstein noch aus. Das Lübecker Forschungsprojekt will hierzu tiefergehende Erkenntnisse gewinnen.

Die Untersuchung von Medikamententests hat den komplexen historischen Handlungskontext aus rechtlichen Rahmenbedingungen, behördlicher Aufsichtspflicht, ärztlichem Berufsethos und institutionellem Setting im Untersuchungszeitraum zu berücksichtigen. Dabei ist zu bedenken, dass die Erprobung und Marktzulassung von Medikamenten in der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre weitgehend ungeregelt war. Daher wird im Projekt danach gefragt, wie sich die konkreten Bedingungen der Medikamentengabe und von Medikamentenversuchen in den jeweiligen Einrichtungen gestaltet haben: Wie und wann wurde die Verabreichung dokumentiert? Gab es bei Einsatz von Versuchspräparaten eine Dokumentation? Wurden in diesem Kontext Einwilligungen der Betroffenen oder ihrer Angehörigen eingeholt oder diese zumindest informiert? Wann wurde die Einholung einer Einwilligung als notwendig angesehen, welche Art der Einwilligung wurde als ausreichend betrachtet? Gab es in diesem Zusammenhang Genehmigungen von Seiten der Landesbehörden und anderen Aufsichtsbehörden? Erreichten diese Behörden und/oder die Einrichtungsleitungen möglicherweise Beschwerden über ungerechtfertigte oder unfreiwillige Medikationen?

Mit der Erörterung dieser Fragen möchte das Projekt auch einen Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der psychiatrischen Versorgung und zur Entwicklung der Einrichtungen für Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein leisten. Dazu werden im Projekt zeitgenössische Fachpublikationen, die Aktenüberlieferung der zuständigen Ministerien Schleswig-Holsteins und die Verwaltungs- sowie Patientenakten von den Landeskrankenhäusern, Universitätspsychiatrien und Heimen der Behindertenhilfe Schleswig-Holsteins ausgewertet. Die bisherigen Auswertungen bestätigen eine umfangreiche Beteiligung mehrerer psychiatrischer Einrichtungen Schleswig-Holsteins an Prüfungen und Anwendungsstudien pharmazeutischer Produkte im Untersuchungszeitraum.

Der Zwischenbericht, der Anfang 2020 vorgestellt wurde und auf großes öffentliches Interesse stieß, hat insbesondere auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, die Arzneimittelversuche im Kontext der damaligen psychiatrischen Versorgungspraxis zu untersuchen.

Im November  2019 wurde deshalb ein Folgeprojekt gestartet, das die psychiatrische  Praxis und das von den Kindern und Jugendlichen erlebte Leid und Unrecht im Rahmen von Unterbringungen in Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig- Holstein in der Zeit von 1949 bis 1975 erforscht.

Beide Projekte werden in Kooperation mit Prof. Gabriele Lingelbach (Geschichte des 19.-21. Jahrhunderts, Christian Albrechts Universität Kiel), Prof. Sebastian Graf von Kielmansegg (Öffentliches Recht und Medizinrecht, Christian Albrechts Universität Kiel), Prof. Rainer Hering (Landesarchiv Schleswig), Prof. Fritz Hohagen / Prof. Stefan Borgwardt (Psychiatrische Klinik Lübeck) und Prof. Christoph Rehmann-Sutter (IMGWF) durchgeführt.