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Studium Generale

Nützlich, relevant, ihr Geld wert? Wissenschaft zwischen (populistischen) Verführungen und Zumutungen

Paula Irene Villa (München)

Wann: 21. Mai 2026, 18:30 Uhr
Wo: Hörsaal des IMGWF in der Königstraße 42 in Lübeck

Wissenschaft gerät derzeit auch deshalb unter Druck, weil sie – angeblich, tatsächlich? – zum Teil nicht nützlich scheint. Was ‚bringen‘ Gender Studies oder Kunstgeschichte, Philosophie oder Postcolonial Studies der Gesellschaft, gar ‚dem Steuerzahler‘? Die Idee, die Relevanz von Wissenschaft nach ihrer unmittelbaren Nützlichkeit zu beurteilen, ist weder neu noch politisch eindeutig zu verorten, sie treibt moderne Gesellschaften und ihre Wissenschaft immer schon um. Wer es heute gut meint, fordert bestimmte Bereiche von Forschung & Lehre dazu auf, ihre Nützlichkeit zu belegen und zu performen: Gender Studies als Gleichstellungsexpertise, Soziologie als Gesellschaftsverbesserung, Philosophie als Problemlösungskompetenz. Doch dieses Imperativ hat seine nachhaltigen Tücken. Denn so wird u.U. aus Wissenschaft dienstleistungsorientierte Expertise, die ihrerseits unter bestimmten Bedingungen zum Politikersatz mutiert. Besonders deutlich wurde dies in der akuten Covid-Krise, aber diese Dynamik geht zeitlich und thematisch weit darüber hinaus. Denn auf Wissenschaft wollen sich in der Moderne fast alle berufen, um sich gegen Kontingenz und Kritik zu immunisieren, um also Eigentlichkeit und Letztbegründung zu behaupten.

Der Vortrag lotet diese Facetten entlang einzelner Beispiele rund um Gender und Sexualität aus. Er bespricht die aktuellen Dynamiken (Gender(n)-Verbote, Aktivismus in der Wissenschaft usw.) und mündet in einem dezidierten Plädoyer gegen Nützlichkeitskriterien unter Beibehaltung der Reflexion auf das Verhältnis zum Politischen, Normativen, Ethischen.
 

Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky hat seit 2008 den Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München inne. Sie forscht und lehrt u.a. zu Biopolitik/Embodiment, Care/Familie, Cancel Culture/Wissenschaftsfreiheit, Sexualität, Soziologischer Theorie. Sie war von 2021–2025 Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und ist in zahlreichen Funktionen aktiv, u.a. als Vorsitzende des wiss. Beirats des NS-Dokumentationszentrums München, Beirat und Vertrauensdozentin von ELES und der Studienstiftung.

Paula-Irene Villa hat zahlreiche Publikationen vorgelegt, unter anderem mit Sabine Hark: Anti-Genderismus: Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld: transcript 2015; mit Sabine Hark: Unterscheiden und herrschen: Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart, Bielefeld: transcript 2017; mit Sarah Speck: Academia and Politics – Entangled, Yet Not the Same, GW‘s Institute for European, Russian and Eurasian Studies (IERES) 2023; mit Gregor Fabian/Mirjam Fischer/Julian Hamann/Uwe Schimank/Christiane Thompson/Richard Traunmüller: Akademische Redefreiheit. Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen, Hamburg: ZEIT-Stiftung 2024; Gender und Queer Studies: Kontroversen und Missverständnisse, in: APuZ 75(21), 2025, 41–47.