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Rebecca Pohl

Dissertation: Ganzheitlichkeit zwischen Medizinkritik und Populärphilosophie: Karl Kötschaus deutsche Suche nach einer neuen Theorie der Medizin

Das Aufkommen der modernen Naturwissenschaften und die mit ihr einhergehende Biologisierung medizinisch-wissenschaftlichen Wissens wurde von ihren Anfängen im 19. Jahrhundert an von einem Strom an Kritiken begleitet, innerhalb derer der Begriff der Ganzheit eine Dauerkonjunktur erlebte. Als Begriff fand Ganzheitlichkeit seine Verwendung dabei zum einen innerhalb wissenschaftlicher Theorien, die sich in kritischer Reaktion auf den Haupttrend einer positivistisch-mechanistisch-reduktionistischen Wissenschaft entwickelten. Zum anderen verband sich der Begriff, als metaphorisches Gegenbild einer allgemein wahrgenommenen „Mechanisierung“ des gesellschaftlichen Lebens, mit einer kritischen Reflexion auf die problematischen Auswirkungen der industrialisierten Moderne.

Dieser begriffsgeschichtliche Hintergrund wissenschafts- wie kulturkritischer Gebrauchsweisen des Begriffes der Ganzheit spiegelt sich im zwanzigsten Jahrhundert auch in der Medizintheorie des alternativmedizinisch orientierten Internisten und Nazifunktionärs Karl Kötschau (1892-1982), der sich während des Großteils seiner professionellen Laufbahn als Vertreter einer ganzheitlichen Medizin verstand.

Die Dissertationsarbeit rekonstruiert unter Anwendung eines bioergographischen Ansatzes Kötschaus Entwicklung von einem klinischen Forscher in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren zu einem nationalsozialistischen Volksgesundheitsideologen und analysiert, auf dem Hintergrund einer überblickshaften Ideengeschichte der Verwendung des Begriffes der Ganzheit im 20. Jahrhundert, seine Auseinandersetzung mit einer ganzheitlichen Theoriebildung in der Medizin.

Dabei ist die Frage wie Kötschau seine Ganzheitstheorie über den Wandel der politischen Systeme hinweg mit wechselnden Inhalten füllen und dennoch stabil halten konnte, erkenntnisleitend. Erfüllt der Begriff der Ganzheit in seinen wissenschaftskritischen Veröffentlichungen der zwanziger Jahre vorrangig die Funktion einer Leerstelle für Medizinkritik, erlebt er, durch enge Bindung an die auf Gesundheitsvorsorge setzende sozialdarwinistische wie rassenhygienische Leistungsmedizin des NS-Staates, in den dreißiger Jahren eine Politisierung und Radikalisierung. Zunehmend leerformelhaft transportiert der Begriff eine populärphilosophische und häufig nostalgische Ganzheitlichkeitsweltanschauung - Ausdeutungen, die der nur oberflächlich von seinen ideologischen Assoziationen der NS-Zeit bereinigte Begriff auch in Kötschaus Veröffentlichungen der Nachkriegsjahrzehnte beibehält.

Lebenslauf:
2006 Abitur in Königstein im Taunus
2006-2009 Medizinstudium in Freiburg
Seit 2009 Medizinstudium in Lübeck

Betreuung: Prof. Dr. Cornelius Borck

Zur Dissertationsschrift: www.zhb.uni-luebeck.de/epubs/ediss2204.pdf